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Inhalt: Kurzgeschichten

Die drei roten Kugeln

Wolfgang war 45 Jahre alt und hatte sich mit seinem Leben abgefunden und mit seinem Liebesleben abgeschlossen.
Sein Leben bestand aus Arbeiten, Essen, Fernsehgucken, Schlafen, Arbeiten, Essen usw.
Er war einfacher Arbeiterin einer Nadelfabrik.
Er stand am Fließband, überwachte den Schleifvorgang der Nadeln und wechselte die Schleifscheiben- und Bürsten aus, die sich schnell abnutzten.
Das war alles.
An das lange Stehen hatte er sich gewöhnt und die Arbeit machte ihm Spaß.
Er brauchte an nichts zu denken, sich nur den ganzen Tag auf das Laufband zu konzentrieren und so hatte er seinen Frieden.
Seine Kollegen waren nett, jedenfalls glaubte er das, wusste es aber nicht genau, was ihn aber auch nicht sonderlich interessierte, weil er von den Menschen enttäuscht und deshalb lieber alleine war.
Wenn mal einer vorbeikam, sprach man ihn freundlich an, stellte einige Fragen zur Maschine, auf die er mit einem knappen Satz antwortete, wünschte ihm einen schönen Tag und überließ ihn wieder seiner Maschine.

Nach Hause hatte er nur einen 15-minütigen Fußweg.
Dort angekommen bereitete er schnell sein Lieblingsessen zu.
Er mochte gerne Speisen mit Ei.
Mal wurde es Rühr- oder Spiegelei, mal ein Omelette.
Dann endlich konnte er es sich vor dem Fernseher gemütlich machen.
Er schaute gerne Quizsendungen, denn er bewunderte all die schlauen Menschen, die immerzu schier unglaubliche Fragen beantworten konnten.
Außerdem konnte er sich so auf seine Weise fortbilden, denn er war bemüht dazu zu lernen.
Wozu wusste er auch nicht, denn er hatte keine Freunde mit denen er sich hätte austauschen können, ging auch nicht aus und seine Telefonrechnung wies immer nur die Grundgebühr aus.
Aber es machte ihm Spaß den schlauen Menschen zuzusehen, wie sie sich um den großen Gewinn bemühten.
Er sprang jedes Mal auf vor Freude, wenn es einer wieder geschafft hatte den großen Preis zu gewinnen.
Wenn einer verlor, war er aufs tiefste betrübt und wollte ihm am liebsten Trost zusprechen, aber er wusste ja nicht ihre Telefonnummern.

Vor 10 Jahren hatte er zuletzt eine Freundin gehabt.
Sie sahen sich immer zum Essen, das er für sie beide zubereitete.
Dann schauten sie gemeinsam fern.
Sie sagte immer, dass sie ihn gern mochte, weil er so eine Ruhe ausstrahle.
Er wunderte sich darüber, dass sie ihn mochte, doch ihr letzter Freund hatte sie schlecht behandelt, betrogen und geschlagen, vielleicht hing es damit zusammen.
Jedenfalls verließ sie ihn nach vier Monaten wieder, da sie meinte, er sei ihr doch zu ruhig und für die Liebe würde es ja sowieso nicht reichen.
Pünktlich um 22.30 Uhr ging er schlafen.
Er schlief immer gut und hatte oft einen schönen, immer wiederkehrenden Traum.
Er träumte davon eine eigene Familie zu haben, eine Frau, die ihn liebte und die er liebte und eine kleine Tochter, die immer mit ihm Kuchen aß.
Den Traum fand er sehr angenehm, aber morgens war er dann immer sehr nachdenklich gestimmt, denn er fragte sich dann, wie dies wohl zu verwirklichen wäre.
Deshalb war er immer froh, wenn er wieder an seiner Maschine stand, da konnte er alles vergessen.

Einen absoluten Höhepunkt des Tages gab es allerdings für ihn.
Auf dem Rückweg von der Fabrik nahm er immer eine andere Strecke nach Hause und diese führte ihn an einem Kaugummiautomaten vorbei.
Dort bekam er für 50 Cent drei große, runde Kaugummis.
Er liebte ihre bunten Farben, das Geräusch des Drehmechanismus des Automaten und das Geräusch des Aufpralls im Ausgabefach.
Er freute sich jedes Mal wie ein kleines Kind, wenn die Masse der Kaugummis in Bewegung geriet und er kurz darauf drei Kugeln in der Hand hielt.
Seitdem er sechs Jahre alt war, kaufte er sich diese Kugeln.
Die Ersten hatte ihm seine Mutter gekauft, als Belohnung für seine Artigkeit, denn er tat immer das was man ihm sagte oder um was man ihn bat.
Er hatte die Kaugummis damals so lieb gewonnen, dass er sie sich einmal die Woche von seinem Taschengeld kaufte.
Als er seinen ersten Lohn bekam, ging er dazu über sie sich jeden Tag zu kaufen und zu genießen.
Die erste Kugel nahm er sofort in den Mund und genoss den Geschmack so sehr, als ob er gerade im besten Restaurant der Stadt eine Spezialität probieren würde.
Seine Augen wurden feucht vor Freude und ein Lachen umspielte seinen Mund.
Am liebsten mochte er die roten Kugeln, wegen ihres intensiven Kirschgeschmacks und weil es seine Lieblingsfarbe war.
Davon war allerdings nur sehr selten eine dabei.
Die anderen beiden Kugeln hielt er in der Hand und ließ sie immer aneinander klacken.
Er mochte dieses Geräusch sehr.
Zu Hause angekommen, schaltete er erstmal den Fernseher ein, schaute Nachrichten und kaute dabei die zweite Kugel.
Da er beim Kauen immer lachte, sah es so aus, als ob er die Nachrichtensprecherin die ganze Zeit angrinsen würde und der Eindruck entstand, dass er es wohl sehr lustig fand, was sie berichtete.
Dann bereitete er sein Abendessen und freute sich schon auf den Nachtisch: Die dritte Kugel.
Er wählte einen Musikkanal, ließ sich gemütlich auf dem Sofa nieder und wippte verzückt mit den Füßen.

So verging Monat um Monat, bis Wolfgang an einem wunderschönen, sonnigen Frühlingsnachmittag aus dem Staunen nicht mehr herauskam.
Er stand vor dem Kaugummiautomaten und hielt drei rote Kugeln in seiner Hand.
Das war ihm in vierzig Jahren noch nie passiert.
Er konnte sein Glück gar nicht fassen und schrie auf vor Freude.
Plötzlich ertönte hinter ihm eine Stimme. "Was machst Du da?" fragte sie.
Zu Tode erschrocken drehte er sich um und sah vor sich ein etwa fünfjähriges Mädchen, das ihn neugierig betrachtete.
Als er so mit erschrockenem Gesichtsausdruck und offenem Mund, die Hand mit den Kugeln ausgestreckt, regungslos und stumm dastand, fing das Mädchen an zu lachen.
Da riss er sich zusammen und fragte sie: "Warum lachst Du?"
Denn er mochte es gar nicht, wenn man über ihn lachte.
Das Mädchen fragte wieder: "Was machst Du da? Es sieht lustig aus!"
Wolfgang dachte, dass er, so wie er dastand wohl ziemlich bescheuert aussehen musste.
Er bemerkte allerdings auch, dass das Mädchen neugierig aber freundlich guckte und so dachte er, dass sie ihn also nicht auslachte, sondern nur einfach neugierig war ob seines Gebaren und sich nur freundlich für ihn interessierte.
Da sich sonst gar niemand für ihn interessierte, fand er dies sehr schön, lächelte das Mädchen an und sagte: "Ich habe aus dem Kaugummiautomaten drei Kaugummis gezogen." "Und das macht Spaß?", fragte das Mädchen.
"Ja, sehr sogar, besonders wenn man sie in den Mund nimmt, sie kaut und die prickelnde Frische genießt." "Aber Du hast doch geschrieen!"
"Ja vor Freude! Ich habe heute zum ersten Mal drei rote Kaugummis auf einmal bekommen. Das ist mir noch nie passiert, seitdem ich begann sie in ungefähr Deinem Alter zu kaufen. Schau, drei Rote auf einmal."
Und Wolfgang streckte den Arm mit der geöffneten Hand aus, in der die Kugeln lagen. "Oh!" sagte das Mädchen ehrfurchtsvoll und schaute mit großen Augen auf die Kugeln.
"Sie sind sehr schön! Wie heißt Du?" "Ich heiße Wolfgang und Du?" "Jule."
"Magst Du eine probieren, Jule?", fragte Wolfgang.
Verlangend blitzten Jules Augen auf, dann jedoch verzog sich ihre Miene und sie sagte: "Gerne würde ich eine probieren, doch meine Ma hat gesagt, ich darf von Fremden nichts annehmen."
In beiden Gesichtern war nun Enttäuschung zu sehen.
Jule war sauer, dass sie etwas Neues nicht ausprobieren durfte und Wolfgang war enttäuscht, dass man seine heißgeliebten Kaugummikugeln nicht annehmen wollte, vor allem, weil es das erste Mal war, dass er bereit war sie mit jemandem zu teilen.
Doch er hatte Verständnis für das Verbot der Mutter und plötzlich kam ihm ein Gedanke.
"Ich habe eine Idee wie Du die Kugeln doch probieren kannst. Ich lege sie hier in das Ausgabefach des Automaten, mache mich auf meinen Weg nach Hause und wenn ich weg bin, kannst Du Dir sie ja dort herausnehmen. Dann hast Du nichts von mir angenommen."
Jule lächelte und sagte: "Das ist eine gute Idee, bitte lege die Kugeln dort hinein."
Wolfgang tat wie ihm geheißen, bog dann um die Häuserecke und ging seines Weges.
Er war noch nicht weit gekommen, als er hinter sich ein Quietschen und Prusten hörte.
Erschrocken drehte er sich herum und sah Jule mit verzerrtem Gesicht auf sich zukommen.
"Was ist passiert?", fragte er besorgt.
Jule verdrehte wild die Augen und aus ihrem zuckenden Gesicht tönte es: "Uuuh, zischt und prickelt das im Mund und ist der sauer, aber das macht wirklich einen Riesenspaß! Toll! Hihi!"
Wolfgang fiel ein Stein vom Herzen, als er sie lachen hörte.
Er hatte schon befürchtet, dass ihr etwas passiert sei.
Und so stand er vor dem grimassierenden Mädchen und musste herzlich lachen, denn er freute sich so, dass er sie so hatte begeistern können.
Doch plötzlich ertönte hinter ihm eine laute Frauenstimme: "Jule! Um Himmels Willen! Was machst Du da?"
Wolfgang drehte sich erschrocken um und sah eine attraktive Frau, etwa Mitte dreißig, vor sich.
Er war erstarrt und schaute sie mit offenem Mund und großen, schuldbewussten Augen an und brachte keinen Laut über seine Lippen.
"Hallo Ma! Das ist meine Ma Laura. Und das ist Wolfgang, er hat mir das Kaugummikauen beigebracht. Und Ma, das macht einen Riesenspaß und die schmecken voll super! Wolfgang hat nichts Böses gemacht! Er hat mir nur gezeigt woher die Kaugummis kommen. Ich habe schon einen im Mund, aber schau Ma, ich habe noch zwei übrig! Komm Ma, probier mal einen und Wolfgang nimmt auch einen! Dann können wir alle dreigleichzeitig kauen, aber Vorsicht Ma, es prickelt sehr! Nimm Ma! Nimm!"
Jule hielt ihre Hand ausgestreckt und Wolfgang sagte: "Nehmen Sie ruhig, sie schmecken gut!"
Laura guckte Wolfgang mit ungläubigen Augen an, dann ihre Tochter und sagte: "Jule, Du bist unmöglich!"
Dann nahmen sie und Wolfgang jeweils eine rote Kugel aus Jules Hand.
Laura beäugte ihre zunächst kritisch, führte sie dann aber doch in den Mund und fing prompt an zu prusten.
Jule betrachtete das Gesicht ihrer Mutter und begann zu lachen.
Und das war ansteckend.
Kurze Zeit später standen sie alle drei in einer Runde, kauten Gummi, guckten sich in die bewegten Gesichter und lachten aus ganzem Herzen, bis ihnen die Tränen kamen.
Einige Passanten blieben stehen und guckten ernst und zweifelnd zu ihnen hinüber und gingen dann kopfschüttelnd weiter.
Aber da mussten sie alle drei noch viel mehr lachen.
So ging das eine ganze Weile lang.
Als sie sich einigermaßen beruhigt und wieder Atem geschöpft hatten, lächelten sich Wolfgang und Laura an und sie lud ihn als Dankeschön für diesen Spaß für das nächste Wochenende zu ihnen zum Essen ein.

Wolfgang kam der Einladung gerne nach.
Er fühlte sich plötzlich beflügelt.
Das gemeinsame Lachen hatte etwas tief in seinem Inneren bewegt.
Am Wochenende harmonierten sie alle drei sehr gut und von da an besuchte Wolfgang die Beiden jedes Wochenende.
Wolfgang stellte mit Freuden fest, dass Laura und Jule ihn sehr mochten.
Und er bemerkte wie er sich veränderte.
Er blühte regelrecht auf, wurde gesprächig, einfühlsam und aufmerksam, interessierte sich für Dinge, Geschehnisse und Menschen, hatte lustige Einfälle und entwickelte einen sanften, unwiderstehlichen Humor.
Er fühlte sich sehr zu Laura hingezogen, weil sie ihn als Menschen akzeptierte und in ihm Gefühle weckte, die er bis dahin nicht gekannt hatte.
Eines Abends, als Jule schon zu Bett gegangen war, nahm er seinen ganzen Mut zusammen, von dem er bisher nicht wusste, dass er ihn hatte und erklärte Laura seine Liebe zu ihr.
Laura lächelte, nahm mit glänzenden Augen seine Hand und ließ sie nicht mehr los.

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Michael Greven / Gedankenträume.de / 2002-2020