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Inhalt: Kurzgeschichten

Das Blatt im Wind

Es war einmal ein Blatt im Wind, einem Wind, der zu einem ausgewachsenen Sturm wurde, der unverhofft und ungebremst mit gewaltiger Macht über die Baumreihe der nahen Küste hinweg fegte.

Als der Sturm endlich abebbte, fand sich das Blatt auf steinigem Boden wieder.
Langsam erwachte es aus seiner Ohnmacht und stellte mit Schrecken fest, dass es einige Löcher bekommen hatte.
Doch dann bemerkte es, dass dies noch nicht das Schlimmste war und seine Angst wuchs, denn es hatte den Halt an seinem Baum verloren und befand sich nun ganz allein auf dem Boden.
Die anderen losen Blätter waren bereits längst auf die hohe See hinausgespült worden und wurden nie mehr wieder gesehen.
Doch das Blatt schaffte es, sich an Grashalmen festzuhalten oder in Bodenmulden Deckung zu suchen.
Der Wind spürte es jedoch immer wieder auf und blies es von einer Ecke in die Andere.
Das Blatt ermüdete langsam und seine Farbe begann zu verblassen.

Dann kam ihm eine Idee wie es sich retten konnte.
Es lies sich zum nächsten Baum wehen und fragte diesen, ob es sich auf einen seiner Äste setzen dürfte.
Der Baum aber schüttelte nur verneinend lächelnd seine Baumkrone und sagte dem Blatt, dass seine Äste alle schon mit eigenen Blättern versehen seien und für ein fremdes kein Platz mehr da sei.
Das Blatt war enttäuscht und ließ sich zum nächsten Baum wehen und stellte erneut seine Frage.
Doch wieder wurde es mit dem gleichen Bescheid abgewiesen.
Das Blatt ließ sich nicht entmutigen und fragte alle Bäume, die an der Küste standen.
Jedes mal gab es die gleiche Antwort und sogar der verkrüppelte Baum, in den der Blitz eingeschlagen hatte und der ganz am Ende der Baumreihe stand, lehnte es ab es aufzunehmen.
Das Blatt wurde bei jeder Ablehnung immer wütender, lernte sich den Wind zu Nutze zu machen und flog immer und immer wieder gegen die Bäume an, erreichte aber nie einen Ast.
Die Bäume trugen nicht den leisesten Kratzer davon, anders aber das Blatt.
Völlig zerfranst, verzweifelt und jeglicher Farbe beraubt landete es auf dem Boden.
Der Winter brach herein und die Stürme wurden heftiger. Was sollte es jetzt bloß tun?

Bittend und hoffnungsvoll blickte es nach oben und sah eine Möwe über sich kreisen, die sich nach langem Flug über die See freute, wieder ein Blatt zu sehen.
Die beiden freundeten sich an und die Möwe riet dem Blatt dem Gesang der Wellen zu lauschen.
Das Blatt war dankbar einen Freund gefunden zu haben, befolgte seinen Rat und lernte schnell was wirklich wichtig für ein Blatt war.
Schließlich nutzte es eine frische Brise und flog zur nächsten Bucht, an deren Küste einige Vertrauen erweckende Bäume standen.
Es fiel auf fruchtbaren Boden und als der nächste Frühling kam, hatte es Wurzeln geschlagen und ein dünner, zarter Stamm wuchs gen Himmel.

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Michael Greven / Gedankenträume.de / 2002-2020