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Inhalt: Kurzgeschichten

Altes Schmiedegitter mit eiserner Rose

Die eiserne Rose

Nein, es war keine besondere Nacht, in der sie geboren wurde. Es war nicht einmal ein Datum,
das in die Geschichte eingehen würde. Es war ein ganz und gar gewöhnlicher Tag, an dem sie das Licht der Welt erblickte.

Ein Dienstag war es, an dem in der alten Schmiede die Feuer geschürt wurden. Und in einem dieser Feuer wurde sie geboren.
Es war ein kalter, klarer Frühlingstag und in der Schmiede war man froh, am warmen Feuer arbeiten zu können.

Der Meister hatte den Auftrag erhalten ein Schutzgitter zu fertigen, das auf dem Vorsprung einer Bruchsteinmauer
neben einer kleinen Villa seinen Platz finden würde. Er hatte den Schmiedegesellen Gustav mit dieser Aufgabe betraut.

Gustav machte sich an diesem Morgen frisch ans Werk. Er vertiefte sich in seine Arbeit, vergaß Zeit und Raum,
ließ die Hände arbeiten und die Gedanken wandern. Gustav liebte diese Jahreszeit, eine leise Vorahnung des kommenden Frühlings
lag in der Luft und das hieß, dass der lange, dunkle Winter, der in diesem Jahr besonders streng war,
bald ein Ende haben würde. Dann würde die Sonne wieder ihre wärmenden Strahlen schicken, die Blüten der Blumen
würden sich der Sonne entgegenstrecken und die Menschen würden wieder lächeln.
Die Leichtigkeit würde die Schwermut des Winters vertreiben.

Gustav liebte nicht nur den Frühling. Er liebte auch die Blumen und die Sonne. Und ganz besonders liebte er Claire.
Claire war ein Dienstmädchen, das im Hause eines angesehenen Herrn in der Stadt eine Anstellung gefunden hatte.
Sie kam aus Frankreich und Gustav mochte ihren Akzent. Nicht, das sie jemals ein Wort mit ihm gewechselt hätte.
Dienstmädchen aus besserem Hause pflegten sich mit der als grobschlächtig bezeichneten Zunft der Schmiede nicht einzulassen.
Aber Gustav hatte einmal das Glück gehabt zu hören, wie sie auf dem Markt mit der Bauersfrau über den Preis von frischem Obst
verhandelte. Und seitdem ging ihm ihre Stimme, ihr Akzent und vor allen Dingen ihr liebreizender Anblick
nicht mehr aus dem Sinn.

'Claire...', seufzte er und gab sich große Mühe, ihren Namen möglichst französisch klingend auszusprechen.

'Was hast Du da vor Dich hingebrummelt?' fragte Martin, der zweite Geselle, der gerade an Gustav vorbei ging.

'Ich?', antwortete der Angesprochene. Er war ein wenig unwirsch, weil Martin ausgerechnet jetzt vorbei kam
und ihn aus seinen Gedanken riss. 'Ich habe nichts gesagt. Wahrscheinlich hast Du wieder einen der unzähligen Flöhe
in Deinem Pelz husten hören!'

Martin blieb stehen und grinste frech zu Gustav hinüber. Die beiden mochten sich und nahmen sich gegenseitig
diese Art Humor nicht übel. Er kam näher und betrachtete Gustavs Arbeit.

'Sag mal, ist das das Gitter, das Du für den Geheimrat Mühlenberg, den alten Geldsack, machen sollst?
Dann hoffe ich für Dich, daß seine junge Frau Gemahlin den schönen Künsten wirklich so verfallen ist,
wie man es sich in den Wirtshäusern erzählt. Und der Herr Gemahl seiner jungen Frau ebenso.
Sonst dürfte es mächtigen Ärger mit dem Meister geben!'

Gustav blickte erstaunt auf die Arbeit, die in den letzten Stunden unter seinen Händen entstanden war.
Es war ein filigranes Kunstwerk aus geschwungenen Bögen, aus Schnörkeln, die ineinander übergingen.
Manche Teile des Gitters endeten scheinbar im Nichts und erinnerten an ihren Enden stark an Rosenknospen.

Er holte tief Luft und schaute auf das Teil, das er als letztes an dem Gitter befestigen wollte, als Martin vorbei kam.
Und in seinen großen Händen mit den Schwielen von der täglichen, harten Arbeit in der Schmiede hielt er
eine formvollendete Rosenblüte.

Eine eiserne Rose.

Gustav war völlig verwundert darüber, dass ihn die Gedanken an den nahenden Frühling und an Claire
zu solch einem Kunstwerk befähigt hatten. Sanft und fast ein wenig ehrfurchtsvoll strich er über die Blütenblätter
und setze die Rose behutsam an ihren Platz.

Ja, was wohl der Meister dazu sagen würde? Gustav schwante nichts Gutes. Seine Arbeit entsprach ganz sicher nicht dem,
was der alte Herr unter einem Schutzgitter verstand, auch wenn es wunderschön war.

Der Meister tobte und schimpfte zwar, als er die Arbeit sah. Aber Gustav hatte trotzdem Glück,
denn just in dem Moment, als der Meister ihm die Strafpredigt hielt, kam der Geheimrat Mühlenberg nebst Gattin vorbei,
um sich nach dem Fortgang seines Auftrages zu erkundigen. Auch der Herr Geheimrat war nicht sehr angetan,
aber seine Gattin war hoch entzückt, zumal niemand sonst ein solches Gitter sein Eigen nennen konnte.
Der alte Schmiedemeister erhielt sofort zwei Folgeaufträge und Frau Geheimrat Mühlenberg ließ ein paar extra Taler
für Gustav springen, wovon dieser seinen Freund Martin auf einen Krug ins Wirtshaus einlud.

Das Rosengitter wurde lange Zeit als Gustavs Meisterstück bewundert. Der Schmiedegeselle war durch diese Arbeit
zu großem Ansehen gelangt, hatte alsbald die Meisterprüfung abgelegt und die Schmiede des alten Meisters übernommen.
Von nah und fern reiste die Kundschaft an, denn sein Name war weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt geworden.

Aber niemals wieder fertigte er eine Rose, die dieser glich. Für ihn war diese Rose Claire,
sie hatte ihn zu dieser Arbeit beflügelt. Claire blieb für ihn unerreichbar und da keine Andere war wie sie,
fertigte er auch keine Rose mehr, die der ersten glich.

Viele Jahre waren seitdem ins Land gegangen. Die Rose hatte von ihrem Gitter aus viel Freud und Leid gesehen.
Zwei Weltkriege hatte sie auf wundersame Weise unbeschadet überstanden. Als Gustav noch lebte, hatte er sie oft
an den freien Sonntagen besucht und lange nachdenklich vor ihr gestanden.
Sie wusste, er dachte in diesen Momenten an Claire. Jetzt war Gustav schon viele Jahre tot
und seine unerfüllte Liebe hatte er mit ins Grab genommen.

Die Rose dachte an die vielen Menschen, die sie in der Zwischenzeit gesehen hatte.
Sie erinnerte sich noch gut an das junge Paar, das sich vor ihrem Gitter die ewige Liebe geschworen hatte.
Vor der Bruchsteinmauer, auf der das Gitter befestigt war, hatte man ein Rosenbeet angelegt.
Der junge Mann hielt seine Liebste fest umschlungen und flüsterte ihr ins Ohr, ihre Lippen seien zarter,
als die Blütenblätter der stolzen Rosen. Sie lächelte ihn glücklich an und in der Luft lag ein Hauch von Sommer.

Im darauffolgenden Sommer sah die eiserne Rose die junge Frau wieder. Sie trug ein schwarzes Kleid
und einen schwarzen Schleier. Der Glanz war aus ihren Augen verschwunden und nur der schmale Goldring
an ihrer rechten Hand schimmerte matt. Ihr Liebster war im Krieg gefallen und jetzt stand sie da
und legte still eine Rosenblüte nieder. Dann ging sie hinüber zu dem Kinderwagen, der am Wegesrand stand.
Beugte sich darüber und als das kleine Mädchen darin sie anstrahlte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.
Da war es auch der eisernen Rose so, als wenn sie lächeln wollte, wenn sie es denn könnte.

Sie dachte an den jungen Mann, der vor einigen Jahren versucht hatte, sie gewaltsam von ihrem Gitter zu entfernen.
Seine Bemühungen waren vergebens, Gustav hatte gute Arbeit geleistet. So ließ der ungehobelte Kerl von ihr ab
und pflückte stattdessen ein paar der blühenden Rosen in dem Beet.

Die eiserne Rose erinnerte sich an das ältere Ehepaar, das oft hier spazieren ging.
Vor dem Rosenbeet blieben sie immer eine kleine Weile stehen, sie hatte sich bei ihm untergehakt,
und dann genossen sie gemeinsam die ersten, wärmenden Strahlen der zaghaften Frühlingssonne.
Im Herbst kam der alte Herr allein und an einem verregneten Sonntagnachmittag im November stand er wieder vor dem Rosenbeet,
in dem jetzt die Winterruhe eingekehrt war, und die Tränen liefen im über das Gesicht.
Die eiserne Rose fühlte mit ihm und hätte selbst gern ein paar Tränen vergossen.
Aber das konnte sie nicht, es war nur der Regen, der von ihren kalten Blättern herunter tropfte.

Die Rose verscheuchte die dunklen Gedanken und erinnerte sich der vielen Kinder,
die sie in ihrem langen Leben gesehen hatte. Da gab es kleine Jungs in Matrosenanzügen
und Mädchen in Schürzenkleidern. Auch die Mode hatte sich geändert.
Heute liefen sie alle in diesen blauen Hosen herum. Jungen wie Mädchen.
Und nach wie vor gab es immer ein paar Vorwitzige, die gerne an ihrem Gitter hochkletterten.
Früher waren es nur die Jungen, heute taten das auch die Mädchen. Die Eltern riefen sie dann immer zurück,
sie trauten der Stabilität des Gitters nicht. Die Rose aber wusste, dass ihnen nichts passieren würde.
Schließlich war auf Gustavs Arbeit immer Verlass gewesen.

Manchmal, im Sommer, wenn der betörende Duft der Rosen in den Abendstunden die Luft erfüllte,
war die eiserne Rose ein wenig neidisch auf ihre blühende Verwandtschaft. Sie wünschte sich,
nicht länger an ihrem Gitter fest montiert zu sein. Sie wollte wissen wie es ist, wenn man die Wurzeln tief in die dunkle,
fruchtbare Erde stecken konnte. Sie wollte wachsen, dem Himmel entgegen und in der Wärme der Sonne
ihre samtweichen Blütenblätter entfalten und zur schönsten Rose im ganzen Beet werden.
Sie wollte spüren wie es ist, wenn der sanfte Sommerregen an den Innenseiten der Blüten hinunter tropfte, in die Kelche.
Sie wollte wissen ob es kitzelte, wenn die Bienen sich auf ihr nieder ließen und ihre Rüssel in die Blüte steckten.
Vielleicht war das ein wenig so, wie wenn das Eichhörnchen, dieses freche Tier,
an ihrem Gitter herum hüpfte und ihr beim Vorbeiwischen mit dem buschigen Schwanz durch das Gesicht fuhr.
Dann war es der Rose, als wenn sie niesen müsste. Aber eiserne Rosen niesen nicht. Also ließ sie es bleiben.

Wieder einmal war es Herbst geworden. Es war ein goldener Herbst, der seinem Namen alle Ehre machte.
Die Bäume hinter ihr, die vor vielen Jahren kleine Schösslinge gewesen waren,
hatten sich zu stattlichen Exemplaren entwickelt und schickten ihre goldenen Blätter
mit dem Herbstwind auf die Reise. Die eiserne Rose erfreute sich daran, wenn die Kinder - und manchmal auch Erwachsene -
laut durch das Laub raschelten, das sich auf dem Boden angesammelt hatte.
Manchmal bewarfen sie sich gegenseitig damit und lachten laut. Und in den kalten Novembernächten bauten sich die vielen Igel
aus dem Laub ein kuschelig-warmes Nest, in dem sie den nahenden Winter verschlafen würden.

Während der dunklen Jahreszeit wurde auch die eiserne Rose oft ein wenig missmutig.
Sie erinnerte sich dann an den warmen Sommer und an ihre Sehnsucht, auch einmal eine 'echte' Rose sein zu können.
An einem dieser Tage, der Himmel war grau und wolkenverhangen, kam ein Wind auf.
Er pustete nicht nur das Laub auf den Wegen durcheinander, sondern schaffte es auch, die Wolkendecke aufzureißen.
Sofort stahlen sich ein paar vorwitzige Sonnenstrahlen hervor und ließen den Park
in wunderschönen Farben aufleuchten. Ein übermütiges Ahornblatt, das sich bis zuletzt immer wieder geweigert hatte,
von seinem Ast Abschied zu nehmen und zur Erde zu fallen, schwebte, Purzelbäume schlagend,
endgültig von seinem Baum und verfing sich in dem Gitter. Sein Blattstiel piekste genau im Blütenkelch der eisernen Rose.
Die Rose fuhr ihn unwirsch an: 'Hey, Du weißt genau, dass ich nicht niesen kann!
Also verschwinde aus meinem Gesicht und störe mich nicht weiter in meinen Gedanken!'

'Woran denkst Du denn?' fragte das Ahornblatt neugierig. Es war, wie schon gesagt, ein wenig übermütig
und wollte immer alles ganz genau wissen.

'Ach', seufzte die Rose, 'ich denke an meine blühenden Schwestern. Denen es vergönnt ist,
zu wachsen und zu gedeihen und vor denen die Menschen bewundernd stehen bleiben, wenn sie ihre ganze Schönheit entfalten.
Ich wäre auch gern wie sie, statt hier seit vielen, vielen Jahren festzusitzen. Sieh nur, ich bekomme schon Rostflecken...'

'Du liebe Rose', antwortete das Ahornblatt darauf, 'ich wurde im Frühling geboren, wuchs im Sommer zu einem stattlichen,
wunderschönen Ahornblatt heran. Das musst Du doch zugeben! Dann kam der Herbst und verwandelte mein Grün
in wunderschönes Gold, durch das die Sonne strahlte. Und jetzt... ist meine Zeit vorüber.
Ich werde zur Erde fallen, dem Igel ein angenehmes Lager für seinen Winterschlaf bereiten
und im nächsten Jahr vergessen sein. So geht es auch Deinen blühenden Schwestern.
Sie knospen im Frühling auf, entfalten sich im Sommer zu ganzer Schönheit, doch im Herbst kommt der Gärtner
und schneidet ihren wunderschönen Sommerwuchs zurück. Das war's dann mit jeder einzelnen, wunderschönen Rosenblüte.

Du aber... Du sitzt schon seit so vielen Jahren an deinem Gitter, Du hast soviel gesehen, viel mehr als wir Blätter
oder Rosenblüten. Du kannst so schöne Geschichten erzählen aus Deiner Vergangenheit.
Dich wird es auch im nächsten Jahr noch geben und im Jahr danach und noch viele weitere Jahre.
Gustav hat ein wahres Kunstwerk erschaffen und die paar Rostflecken machen Dich höchstens noch schöner.
Sei nicht traurig, liebe Rose. Nicht nur ich, auch meine Blätterbrüder haben Dich die ganze Zeit
für Deine Schönheit bewundert. Hast Du das nicht gewusst?'

Die eiserne Rose wollte ihren Blütenkopf schütteln, als ihr einfiel, dass dies ja nicht ging.
So sagte sie nur verdutzt: 'Nein, das hab ich nicht gewusst!'

'Mach's gut, liebe Rose! Ich muss jetzt wirklich los, mit der nächsten Windböe flieg ich herunter zur Erde.
Der Igel wartet schon auf mich.' Mit einem Ruck löste sich das übermütige Ahornblatt,
schenkte der Rose ein letztes Lächeln und flog hinunter zu den anderen Ahornblättern, die dort schon auf ihn warteten.

Die eiserne Rose war wirklich gerührt. Nein. Eiserne Rosen können nicht lächeln. Das wissen wir.
Aber ich könnte schwören, dass sie dem Ahornblatt zugelächelt hat...



Die Geschichte der eisernen Rose ist frei erfunden. Auch einen Schmiedegesellen namens Gustav
sowie die anderen genannten Personen hat es so nie gegeben. Aber die eiserne Rose mit den liebenswerten Rostflecken
existiert wirklich. Am Lousberg. In Aachen.

© Spunk

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