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Inhalt: Kurzgeschichten

Die schmutzige Hand

Herr W. war Kioskbesitzer eines angesehenen und beliebten Krankenhauses eines kleinen Kurortes.
Bei seinen Kunden, meistens waren es die Patienten, war er sehr hoch angesehen. Sie schätzten seine große Freundlichkeit,
seine Höflichkeit, sein Zuvorkommen, seine joviale Art, die eher ein Ausdruck von Kameradschaftlichkeit und echter Herzlichkeit war.
Er war genau der richtige Mann für ein Krankenhauskiosk, denn neben der Erholung, die Einkaufen nun mal mit sich bringt,
fanden die Patienten hier Jemanden, mit dem sie sich zusätzlich noch unterhalten konnten, sich mitteilen konnten,
sich verstanden fühlten in ihren Sorgen und deshalb jedes Mal mit einem glücklichen Lächeln wieder das Geschäft verließen.

Ja, Herr W. hatte etwas aus seinem Leben gemacht. Er arbeitete zwar sehr hart, fünf Tage die Woche,
die beiden anderen Tage übernahm seine Frau, aber der Umsatz stimmte und vor allen Dingen gefiel ihm
die Anerkennung der Patienten und dadurch auch des Krankenhauses.
Er war glücklich und stolz, dass er so leben durfte und genoss jeden Arbeitstag. Nur in den wenigen einsamen Minuten seines Lebens,
dachte er manchmal daran, dass er das alles ja eigentlich seiner Frau zu verdanken hatte.
Diese hatte die Idee gehabt ein Kiosk zu eröffnen und vor allen Dingen hatte sie die Beziehungen zur Krankenhausleitung
den Job auch zu bekommen. Na ja, was solls, es war doch alles gut gekommen; so war es doch richtig sie geheiratet zu haben.
Er hatte ihr viel zu verdanken. Wenn er bedachte, was für ein Leben er vorher als Maler und Anstreicher geführt hatte,
mit dem ganzen Dreck, dem bösartigen Chef und den mobbenden Kollegen. Außerdem beglückte ihn ihre Jugend,
ihre Attraktivität, fand er jedenfalls. Da machte es doch nichts, dass sie ein wenig herrschsüchtig war,
sie meinte es doch nur gut. Zum Glück war er nie lange genug allein, um darüber wirklich nachdenken zu müssen.

So vergingen die Jahre und sie hatten es mittlerweile zu einigem Wohlstand gebracht.
So konnte er sich sogar den Traum vom eigenen Mercedes erfüllen. Seine Frau war sofort einverstanden, denn er wusste wohl,
dass sie einigen Wert auf Prestige legte.
Eines Mittags kam ein Mann mittleren Alters in seinen Kiosk. Er wirkte zwar sehr gepflegt, machte aber
einen sehr nervösen Eindruck. Er pries ihm seine Grusskarten an und er merkte schnell, dass dies kein typischer Vertreter war,
sondern irgendein armer Schlucker, der schauen musste, wie er über die Runden kommt.
Aus Mitleid nahm er die gereichte Mustermappe zur Hand und fing an zu blättern. Doch schnell merkte er,
dass diese Produkte Hand und Fuß hatten; die Motive waren höchst interessant, wirkten auf ihn im Vergleich
zu den üblichen Produkten erfrischend und die dazu verfassten Texte ergänzten die Bilder sinnvoll und harmonisch.
Er war richtig Feuer und Flamme und sagte immer wieder mit wachsender Begeisterung:
Schöne Karten! Toll! Schöne Fotos! Schöne Karten!
Der Mann vor ihm schwitzte vor Aufregung und es war ihm offensichtlich peinlich, als er den gewünschten Verkaufspreis nannte.
Der war richtig hoch, doch die Karten gefielen ihm so ausgesprochen gut, dass er beschloss dem Mann eine Chance zu geben
und gab ihm Bescheid die Karten in Kommission verkaufen zu wollen. Zum Zeichen des Einverständnisses streckte er dem Mann
seine Hand hin und sie schlugen ein. Er solle in zwei Wochen einen Satz Karten liefern und ihm doch besonders Schöne fertigen.
Der Kartenverkäufer strahlte vor Freude und bedankte sich aus ganzem Herzen.
Als er weg war, dachte Herr W., dass dies doch das Schöne an seinem Beruf war: es gab immer erfreuliche Überraschungen.

Zwei Wochen später kam Herr W. in bester Stimmung von seiner Skatrunde nach Hause.
Seine Frau saß auf der Couch und blätterte in einer Modezeitschrift. Als sie aufschaute, wusste er, dass etwas nicht stimmte,
denn ein zorniger Blick traf ihn. Wie es ihre Art war, brach es dann auch schon aus ihr heraus:
'Sag mal, war vor zwei Wochen ein Mann wg. Grusskarten bei Dir, dem Du gesagt hast, er solle die heute liefern?'
'Ach ja, das hatte ich Dir ja gar nicht erzählt; der macht wirklich tolle Karten. Wieso?'
'Ja bist Du denn verrückt geworden?! Wie viele Karten willst Du Dir denn noch andrehen lassen?
Ich dachte, darüber haben wir ausführlich gesprochen?! Lernst Du es denn nie? Du kannst Dich doch nicht
von jedem dahergelaufenen Hartz IV-Empfänger überreden lassen, was zu kaufen! Hast Du Dir mal dessen Homepage angeschaut?
Träumereien, Fantastereien, wirres Geschreibsel eines arbeitslosen Möchtegernschriftstellers!
Mein Gott! Was hab ich nur geheiratet! Muss man denn alles selber machen?!
Ich hab dem jetzt gesagt, dass die Karten sehr schön sind, der Preis jedoch zu hoch und dass ich erst mit Dir
darüber reden müsste, ob wir die vielleicht billiger verkaufen können und wir ihn dann anrufen würden.
Das war eine sehr peinliche Angelegenheit! Zum Glück ist der genau so dumm wie Du und ist direkt wieder abgezogen.
Ich hoffe nur, Du hast nichts unterschrieben?!' 'Ne-ne-nein! Ich gab ihm nur meine Hand drauf.'
'Ach so! Das ist ja nicht weiter schlimm! Da hast Du noch mal Glück gehabt! Ruf ihn bitte morgen an und sag,
dass der Preis zu teuer ist, wir die Ständer voller Karten haben und so viele nicht aufnehmen und verkaufen können.'
'Da-Das kann ich nicht! Ich gab ihm doch meine Hand drauf! Ka-Kannst Du ihn nicht anrufen?'

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