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Inhalt: Kurzgeschichten

Wintermelodie

Was führt Sie zu mir?

Nun ja, ich bin ausgebrannt und mit den Nerven am Ende.

Was ist geschehen?

Mein Mann starb vor 15 Jahren. Es war ein Unfall im Hafen von Amsterdam. Er ist ertrunken.
Aber nicht einfach so. Es hatte eine Vorgeschichte. Er litt vorher zwei Jahre lang an massivsten Ängsten.
Dabei hatte er früher nie damit zu tun gehabt. Es begann im Handballverein.
Er spielte seit seiner Jugend Handball und zwar leidenschaftlich und überlegen taktisch.
Er hatte es mit seiner Mannschaft weit gebracht. Eines Tages fragte ihn der Vorsitzende des Vereins,
ob er die Frauenmannschaft trainieren wolle. Vertrauensvoll und gutgläubig willigte er ein.
Zuerst mochten ihn die Frauen, umschwärmten und liebten ihn.
Jedoch hatte er seine Prinzipien, seinen festen Willen und seine Liebe zu mir.
Diverse Angebote lehnte er stets ab. Er blieb sich und mir treu. Das haben ihm die Frauen nicht verziehen.
Von da an hassten sie ihn. Und Sie können sich gar nicht vorstellen, was Frauen alles einfällt um sich zu rächen.
Rasmus bekam von heut auf morgen Todesängste, die nicht mehr weggingen, später auch schwerste Paranoia.
Ich liebte ihn weiterhin und tat alles für ihn. Aber es half nichts.
Schließlich auf dem Kran im Hafen, bekam er wieder eine Angstattacke und ließ sich einfach fallen,
direkt ins Hafenbecken, wo er ertrank. Es war eine Katastrophe.

Ich war gerade von ihm schwanger. Drei Monate nach seinem Tod wurde Mark geboren.
Ich habe ihn alleine groß gezogen, so gut es ging. Ich habe die ganzen Jahre ganztags gearbeitet
um unseren Unterhalt zu verdienen. Nach dem Tod meines Mannes war ich nie mehr liiert.
Mein Mann hatte fünf Jahre für mich gesorgt und es war eine große Umstellung nach seinem Tod.
Ich musste lernen, wie man überlebt, sich durchsetzt in dieser Ellenbogengesellschaft
und dieser männerdominierten Welt, musste jeden Tag kämpfen bis zur totalen Erschöpfung.
Und abends meinem Sohn all die Liebe geben, die der Tag noch übrig gelassen hatte.
Den Vater konnte ich ihm nie ersetzen, eine neue Beziehung wollte ich nie,
denn ich habe meinen Mann derart geliebt, wie es nicht noch einmal vorkommen kann.
Gerade jetzt bräuchte Mark seinen Vater, der ihm einen Weg weisen könnte.
Gerade jetzt, wo ich einfach nur noch fertig bin, voller Angst, Sorgen und Depressionen.
Ich weiß nicht wie es weitergehen soll. Ich vermisse meinen Mann. Ich liebe ihn immer noch.
Niemand kann ihn ersetzen. Und alleine schaffe ich es nicht mehr.

Das tut mir sehr leid für Sie! Aber ich bewundere Sie, wie Sie es ganz alleine so weit gebracht haben!
Ihr Mann wird jedoch leider nicht wieder lebendig. Er wird Sie leider nicht wieder an die Hand nehmen können.
Sie müssen lernen sich selbst zu vertrauen und an Ihre Stärken zu glauben.
Sie haben den Verlust noch nicht verarbeitet und können ihn noch nicht los lassen.
Das wäre aber notwendig, um die Grundlage für ein neues Leben zu schaffen.
Außerdem bindet Ihre unentwegte Trauer um den Verlust sehr große Lebensenergie. Die Ihnen jetzt fehlt.
Wenn Sie wollen und bereit dazu sind, zeige ich Ihnen gerne Wege auf, wie Sie über den Verlust hinweg kommen.
Es ist möglich. Glauben Sie mir, wenn Sie es geschafft haben, wird Ihr Lebensmut wieder neu aufkeimen.
Wollen Sie es versuchen? Sie brauchen sich nicht jetzt dazu zu entscheiden.
Denken Sie in Ruhe darüber nach und kommen Sie in zwei Wochen bitte wieder.
Bis dahin wünsche ich Ihnen alles Gute!

Drei Monate später.

Hier bitte! Nehmen Sie erstmal ein Taschentuch! Lassen Sie ruhig alles raus!

Danke! Es tut mir leid, aber ich, ich weiß einfach nicht, was ich dazu sagen soll.

Was ist passiert?

Ich war in Rasmus Hobbykeller. Wissen Sie, er baute leidenschaftlich Modellflugzeuge
und ich wollte da sein, wo er doch immer so gerne war, sich so wohl fühlte, wollte bei ihm sein.
Ich nahm verschiedene Flieger und Bauteile in die Hand und strich mit den Fingern über die Kartons.
Und dabei stieß ich an einen Karton, der dann aus dem Regal auf den Boden fiel und der Deckel absprang.
Was ich dann sah, verschlug mir die Sprache. In dem Karton waren Briefe. Von Verehrerinnen.
Leidenschaftliche Briefe, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Ich zählte 20 Frauen, die er in verschiedenen Orten in Europa, auf deren Baustellen er jeweils war, gekannt hatte.
Die Wortwahl in den Briefen ließ keinen Zweifel zu, auf welche Art mein Mann diese Frauen gekannt hatte.
Ich frage Sie: Warum? War ich ihm nicht genug? Er wusste, dass ich ihn liebte und ich konnte jeden Tag fühlen,
dass er auch mich aufrichtig liebte. Warum also? Was hat er bei diesen Frauen gesucht, was er von mir nicht bekam?
Ich war so wütend! Ich habe den Keller ausgeräumt und sämtliche Kartons und Flieger
in die Komposttonne im Garten verfrachtet und angezündet! Da gings mir erstmal besser! Können Sie das verstehen?

Das ist sehr grausam für Sie! Es tut mir sehr leid, dass Sie diese Erfahrung gemacht haben!
Aus Ihren Erzählungen der letzten Monate habe ich erfahren, dass Sie und Ihr Mann
sich wirklich aufrichtig geliebt hatten. Besser konnte und kann eine Beziehung nicht sein.
Ich möchte das Verhalten Ihres Mannes nicht entschuldigen! Bitte bedenken Sie jedoch,
dass sein Fehlverhalten erst einige Zeit nach Eintritt der Ängste begann.
Bis dahin lebten Sie ein fantastisches Leben! Dann aber trat bei Ihrem Mann ein Trauma ein,
dass er auch trotz Ihrer Liebe nicht verarbeiten konnte. Ich weiß, er hat Ihnen immer wieder von seinen Ängsten erzählt.
Es war ein verzweifelter Hilfeschrei. Jedoch waren Sie damit überfordert.
Ein Außenstehender kann nie nachempfinden, wie es einem Menschen, der unter solch entsetzlichen Ängsten leidet,
wirklich geht und vor allem, wie man am besten mit ihm umgehen sollte.
Sie haben Ihr Bestes für ihn weiterhin getan, nämlich ihn nach wie vor geliebt.
Er hätte jedoch professionelle Hilfe gebraucht. So wie Sie sich jetzt Hilfe gesucht haben,
hätte man Ihrem Mann damals auch noch helfen können.
Wissen Sie, bei einem Trauma ist es so, als ob ein Schalter im Gehirn umgelegt wird.
Und dabei kann es durchaus sein, dass man den Sinn für die Realität verliert.
Für das was Gut oder Schlecht ist. Man empfindet nur diese Angst und ist mit allem einverstanden,
dass einen von dieser Angst ablenkt und sie einen vergessen lässt, sei es auch nur für eine kurze Zeit.
Es ist gewissermaßen wie bei einem Süchtigen, den der Alkohol alles vergessen lässt
und er für die Zeit des Genusses glücklich ist. Er wurde sich nicht bewusst,
dass ihn die Angst aber wieder einholt und danach alles nur noch schlimmer ist.
In diese Falle ist Ihr Mann getappt. Sie haben keine Schuld daran, sie liebten ihn,
doch Ihre Liebe konnte ihm nicht wirklich helfen. Er hätte selbst erkennen müssen
in was für eine Falle er geraten war. Doch wie gesagt, durch sein Trauma war sein Realitätssinn getrübt.
Denken Sie darüber nach und prüfen Sie, ob Sie ihm verzeihen können.
Es nützt Ihnen nichts, jetzt diesen Schmerz Ihr ganzes Leben mit sich rum zu schleppen,
sie müssen ihn rauslassen, verarbeiten, Ihren Frieden finden, den Ihr Mann nicht mehr gehabt hat.
Seien Sie gut zu sich selbst!

Sechs Monate später.

Ich gratuliere Ihnen! Sie haben das ausgezeichnet bewältigt!

Ja! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin!
Als Mark mir vor 5 Monaten offenbarte, dass er drogensüchtig ist, wollte ich einfach nicht mehr weiter.
Das ist sehr viel im Moment. Aber ich danke Ihnen für Ihre Hilfe!

Sehr gerne! Aber das haben Sie letztendlich alleine geschafft!

Der erste Schock war groß, aber dann wollte ich nicht aufgeben und habe gekämpft, wie eine Löwin für ihr Junges.
Aber es lag auch an Mark. Er ist intelligent, hat eine Drogentherapie gemacht und war meinen Worten
glücklicherweise zugänglich. Wie gut, dass wir über alles offen reden konnten, dass er zu mir gekommen ist
und sich mitgeteilt hat. Er hatte seit seiner Schulzeit immer die falschen Freunde. Ich hab gar nichts gemerkt.

Ja, aber dann haben Sie ein Wunder bewirkt. Mit unglaublicher Geduld und Liebe haben Sie immer wieder
logisch mit ihm geredet. Sie haben sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen,
sondern haben ihn immer wieder aufgebaut und vor allen Dingen mit Ihren Worten und Ihren Handlungen gezeigt,
dass Sie ihn lieben, dass da jemand ist, der ihn liebt und ihm dann sogar auch noch beigebracht,
sich und sein Leben nicht abzulehnen, sondern sich anzunehmen, sich zu vertrauen, diszipliniert zu sein,
solange bis er sich sogar selbst lieben konnte.

Danke! Aber ohne seine eigene Hilfe und sein Vertrauen in mich, wäre es nicht gegangen.
Er hat es wirklich gewollt!

Drei Monate später.

Also, wenn ich in Ihr Gesicht schaue, so glücklich habe ich Sie noch nie gesehen!

Ja, ich bin sehr glücklich! Ich habe mit meinem alten Leben abgeschlossen.
Meinem Mann habe ich verziehen, er war genug gestraft, es ist vorbei.
Und jetzt habe ich mich unglaublich verliebt und eine neue Beziehung,
sie heißt Yvonne! Es ist wie eine Berührung mit der Ewigkeit!
Es ist, als ob wir uns schon ewig kennen würden!
Es war Liebe auf den ersten Blick und es ist alles so wunderschön!
Wissen Sie, ich fühlte mich schon seit Jahren in Gegenwart von Männern nicht mehr wohl.
Immer wenn sie neben mir gingen oder standen oder im Bus neben mir saßen, bekam ich Ängste.
Oder die Blicke im Schwimmbad und die plumpen Annäherungsversuche in der Sauna fand ich immer ekelhaft.
Jetzt ist es geschehen und es ist gut und richtig so!
Und das Beste ist, sie hat auch einen Sohn, er ist 25 und in einem Modellbauclub.
Mark und er sind inzwischen schon beste Freunde und er kann zu ihm aufblicken.
Mark hat sogar schon eigene Flieger gebaut und am Wochenende fliegen sie immer zusammen.
Mark hat eine Lehre angefangen und macht sich sehr gut da. Wir sind beide sehr glücklich!

Herzlichen Glückwunsch! Ich freue mich sehr für Sie, Lotta!

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Michael Greven / Gedankenträume.de / 2002-2020