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Inhalt: Kurzgeschichten

Rainbow

Rainbow war das schönste Pferd des ganzen Gehöfts. Noch jung, kräftig und ausdauernd, verstand er schnell,
was man ihm lehrte und er hatte ein edles Gemüt. Nele, seine Besitzerin, eine bildhübsche junge Frau, lernte ihn kennen,
als er schon Vollwaise war. Für sie beide gab es sie, die Liebe auf den ersten Blick, wortwörtlich, denn als Erstes
fielen ihr an ihm seine unglaublichen Augen auf. Diese waren wach mit einem intensiven Blick, dem man sich
nicht entziehen konnte, ohne jedoch stechend zu wirken. Aber sie blickten auch träumerisch. Es erschien Nele so als ob
sie in einen tiefen See blicken würde, auf dessen Grund sie stundenlang spazieren gehen wollte.
Und doch bemerkte sie auch eine gewisse Wildheit in diesen besonderen Augen.

Vor zwei Jahren konnte Nele ihre Eltern dazu überreden, Rainbow zu kaufen. Er war nicht teuer, denn der Besitzer
des Gehöfts schien froh zu sein, ihn los zu werden. Sie versorgte ihn vorbildlich und pflegte ihn mit einer Hingabe,
die Ausdruck ihres guten Herzens war. Und schon nach kurzer Zeit blühte er auf und sein Fell glänzte seidig.
Wenn die Beiden ausritten, drehten sich alle nach diesem hübschen Paar um, die Stallknechte, die Spaziergänger,
die Radfahrer, die Jünglinge, die Dorfbewohner. Ja sogar der Gutsbesitzer schaute erstaunt auf die junge Frau und das Pferd,
hob immer eine Augenbraue, wenn er die beiden sah und bekam einen sinnigen Blick. Und erst die Besitzerinnen
der anderen Pferde; sie warfen ihnen neidische Blicke zu und hätten Nele am liebsten gefragt,
ob sie Rainbow auch mal reiten dürften. Kurzum, sie waren das Dorfgespräch Nummer eins.

Nele war glücklich! Sie liebte die langen Ausritte mit Rainbow über die Wiesen und in den Wäldern.
Sie liebte die Gerüche der Natur und auch den Geruch ihres Pferdes. Sie liebte seine Zuverlässigkeit und Treue
und seine Freude, wenn sie ihn, wie jeden Tag um die gleiche Zeit, besuchte. Sie liebte seine Liebkosungen,
wenn er mit seinen Nüstern über ihre Hand fuhr, oder mit seinem Gebiß zart und verspielt an ihrem Pulli zupfte.
Es war die schönste Zeit ihres bisherigen Lebens!

Eines Tages trat der Gutsbesitzer zu ihr in den Stall, unterhielt sich lange mit ihr und fragte sie,
ob sie Rainbow wohl auch das Springreiten beibringen wolle. Er erzählte ihr, dass Rainbows Vater ein begnadetes Springpferd
gewesen sei und schwärmte von den festlichen Turnieren und dem Ansehen, dass sie beide erreichen könnten.
Nele war von der Idee sofort begeistert, denn obwohl noch jung an Jahren, hatte sie eine qualifizierte Reitausbildung
genossen und konnte schon auf eine lange Erfahrung zurückblicken.

Der Vorschlag des Gutsbesitzers hatte Nele regelrecht entflammt uns sie machte sich an die notwendigen Vorbereitungen,
um mit Rainbow das Springen zu trainieren. Dann war es endlich soweit und mit großen Erwartungen stieg sie in den Sattel,
um Rainbow über das erste Hindernis zu führen. Sie ritten darauf zu, doch plötzlich unmittelbar davor,
blieb Rainbow stehen und machte nicht die geringsten Anstalten das Hindernis zu überwinden. Nele war total überrascht.
Das hatte sie nicht erwartet. Normalerweise besaß jedes Pferd einen Sprungreflex und es genügten entsprechende Schenkeldrücke,
um es zum Springen zu bewegen. So redete sie ihm gut zu und als das auch nichts half, stellte sie das Hindernis
auf die geringste Höhe ein und versuchte es noch einmal. Wieder nichts. Rainbow blieb jedes Mal davor stehen.
Sie stieg ab und versuchte jetzt Rainbow an der Leine geführt über das Hindernis zu bewegen, doch wieder ohne Erfolg.
Nun wurde Nele ärgerlich, versuchte ihn von der anderen Seite des Hindernisses mit Zucker und Apfelstücken herüber zu locken,
doch er bewegte sich keinen Zentimeter. Nichts half und Nele wurde jetzt wütend, setzte sich in den Sattel
und trieb ihn mit den Sporen an, wobei sie ihn anschrie und auch die Gerte einsetzte.
Doch Rainbow verweigerte immer noch das Hindernis. Sie versuchte es am nächsten und übernächsten Tag
und eine ganze Woche lang immer und immer wieder. Mit dem gleichen negativen Ergebnis. Rainbow wollte nicht springen.

Völlig frustriert brachte sie ihn zum Stall zurück, überließ ihn dem Stallknecht und ließ sich nicht mehr
bei ihm blicken. Er hatte sie sehr enttäuscht und nun hatte sie die Nase voll von ihm.
'Sollte er doch sehen wo er bleibt.'

Rainbow war sehr traurig. Er wusste, dass er seine Besitzerin sehr enttäuscht hatte und fühlte sich deswegen
sehr schlecht. Er wünschte sich, dass es nicht dazu gekommen wäre. Doch er konnte nicht anders handeln.
Wenn er nur sprechen könnte, dann hätte er Nele gerne erzählt, warum er nicht springen konnte.
Er hätte ihr von seinem Vater, dem begnadeten Springpferd, erzählt. Ja, das war er auch, er hatte viele Erfolge errungen.
Bis zu dem Augenblick, wo er bei einem großen Turnier ein Hindernis verweigerte und seinen Besitzer abwarf.
Dieser fiel so unglücklich, dass er querschnittsgelähmt war. Das nahm er dem Pferd sehr übel und aus Rache verkaufte er ihn
an einen Schlachthof. Rainbows Mutter verkraftete den Verlust nicht und starb kurze Zeit später vor lauter Gram.
Einsam und verlassen, noch ein Fohlen, blieb er zurück, mit dem festen Willen niemals seinem Vater jemals dorthin zu folgen.
Was würde nun passieren? Hatte er seine Besitzerin jetzt verloren? Hätte er doch springen sollen?
Rainbow wusste es nicht, er hatte nicht anders handeln können. Zu tief hatte ihn der frühe Verlust der Eltern geschockt.
Und nun verlor er auch noch seine Besitzerin, die sich seiner so lieb und selbstlos angenommen hatte.
Oder bekam er doch noch eine Chance?

Die Wochen vergingen und Rainbow wartete immer noch darauf, dass sich Nele wieder bei ihm einfand. Doch nichts geschah.
Einsam stand er in seiner Box und wurde nur vom Knecht besucht, der ihn fütterte. Mit der Zeit fraß er immer mehr,
ja er wurde sogar richtig gierig, konnte sich nicht mehr zurückhalten und nahm so beträchtlich zu.
Auch sonst verwahrloste er zusehendst und sah mittlerweile richtig zottelig aus. Das war kein schöner Anblick mehr.
Seine Stallgenossen hielten sich auch schon von ihm fern. Warum nur? Weil er einem Befehl nicht gefolgt war,
weil er einen eigenen Willen hatte und anders war als sie? Waren sie neidisch, weil er bisher so viel Freiheiten
und Vergünstigungen gehabt hatte und nicht auch ein so langweiliges, festgefahrenes Sklavenleben führte wie sie
und verurteilten sie ihn deswegen? Warum piesackten sie ihn immer wo sie nur konnten? Sie traten nachts mit ihren Hufen
an seine Box, so dass er nicht schlafen konnte, guckten mal verächtlich, mal strafend, verspotteten ihn,
dann wieder ignorierten sie ihn oder lachten ihn aus. Bei den Neuankömmlingen machten sie ihn direkt schlecht,
sodass er keine Freunde fand und die Tage stumm verbringen musste. Ja, es war sehr still und dunkel um ihn herum geworden.

Eines Nachts hatte er in einer kurzen Schlafphase einen intensiven Traum: An einem Sommermorgen,
die Sonne erschien gerade strahlend am Himmel, stand Nele vor seiner Box. Sie schauten sich in die Augen,
endlos wie es schien, mit einer Intensität, die sie beide vibrieren, alles um sie herum verblassen ließ,
bis sich schließlich ihre Seelen vor Freude und erfüllter Sehnsucht vereinten und Nele um seinen Hals fiel
und ihn zärtlich streichelte. Sie flüsterte ihm Liebkosungen zu, sagte, dass sie ihm verzieh
und einfach nur noch glücklich mit ihm sein wollte. Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm und er schnaubte
vor lauter Glück und Dankbarkeit sanft über ihr Gesicht. Dann sattelte sie ihn und sie ritten
in die frische Morgenluft hinaus, einfach drauflos.

Stundenlang durchquerten sie Wälder und Wiesen, Gebirge und Täler und waren einfach nur glücklich miteinander.
Gerade ritten sie an einer kleinen Schlucht entlang, als plötzlich ein Wolf aus dem Gebüsch auftauchte.
Rainbow erschrak so sehr, dass er einen scharfen Satz zur Seite machte. Nele konnte sich nicht mehr halten
und fiel über den Abgrund auf die andere Seite der Schlucht, prallte mit dem Kopf gegen einen Stein und blieb
regungslos liegen. Derweil kämpfte Rainbow mit dem Wolf. Er versuchte ihm auszuweichen, doch dieser sprang ihn
immer wieder an, er trat mit den Hufen nach ihm, traf ihn wohl auch einige Male, doch der Wolf war sofort wieder zur Stelle
und gab nicht auf ihm nach dem Halse zu springen. Er drängte Rainbow vor den Abgrund und setzte zum tödlichen Sprung an.
Doch im letzten Moment ließ Rainbow sich fallen und der Wolf flog über ihn hinweg und stürzte tief hinab.

Rainbow war erleichtert. Er hatte den Wolf besiegt, doch was war mit Nele? Er schaute hinüber und sie lag immer noch
regungslos auf dem Boden. Er wieherte aus Leibeskräften. Er schlug mit den Hufen laut gegen den steinigen Boden.
Nichts geschah, Nele blieb unverändert liegen. Was sollte er jetzt tun? Er konnte Nele nicht dort liegen lassen.
Er stellte fest, dass die Schlucht nicht breit war. Und so nahm er seinen ganzen Mut zusammen, vergaß alles
was hinter ihm lag und - sprang. Glücklich landete er neben Nele, stubste sie vorsichtig mit seinem Maul an
und leckte ihr Gesicht. Nach einiger Zeit flatterten ihre Augenlider und dann blinzelte sie ihn an.
Es dauerte einige Sekunden, dann leuchteten ihre Augen begreifend. Sie schenkte ihm ihr wärmstes und herzlichstes Lächeln.
Dann berührten ihre Hände seinen Kopf und sie gab ihm zärtlich einen Kuß.

Das Morgenlicht sandte seine ersten schwachen Strahlen durch das Dunkel, als Rainbow erwachte.
Irgendetwas hatte ihn geweckt. Er brauchte nicht lange, um festzustellen was es war. Er konnte es riechen. Es roch nach Nele.
Er öffnete seine Augen und sein Blick durchbrach das Halbdunkel. Da stand sie, vor seiner Box und schaute ihn träumend
und mit liebevollem Blick an. Ein Schauer lief ihm über den Rücken und langsam näherte er sich ihr.
Lange sahen sie sich an, bis Nele ihre Hand durch das Gitter streckte und er vorsichtig an ihr knabberte.
Dann öffnete Nele den Verschlag, legte ihm Sattel und Zaumzeug an, führte ihn nach draußen, stieg auf
und lenkte ihn vom ersten durchbrechenden Sonnenstrahl begleitet, vom Gehöft auf die weiten Felder.

Den ganzen, wunderbar sonnigen Tag verbrachten sie miteinander, still, die wieder gefundene Gemeinschaft
und das pochende Glück in ihren Herzen, genießend, Wärme, bis zum Sonnenuntergang. Plötzlich hielt Nele an.
Sie stieg ab und nahm Rainbow den Sattel und das Zaumzeug ab. Dann umfassten ihre Hände seinen Kopf,
blickte ihm tief in die Augen und sprach die ersten Worte zu ihm: 'Geh! Du bist frei!'
Rainbow schaute sie lange an, wurde unruhig bei ihren Worten, fing heftig an zu zittern, blieb aber protestierend stehen.
Nach einem scheinbar endlosen Augenblick nahm Nele ihre Hände von seinem Kopf, trat einen Schritt zurück,
atmete tief ein und schrie aus Leibeskräften: 'Rainbow, lauf!!!'
Rainbow erschrak heftig, bäumte sich auf, schlug mit den Hufen wild um sich und befolgte schließlich doch
ihren letzten Befehl. Wie rasend galoppierte er in die hereinbrechende Dunkelheit hinein. Er verstand nichts mehr
und doch hatte er ihr gehorchen müssen. Die ganze Nacht kam er nicht mehr zur Ruhe, immer weiter entfernte er sich
von der Stelle, an der er Nele hatte verlassen müssen. Auch die nächsten Tage stürmte er, voll Trauer über den Verlust,
immer weiter und immer weiter fort, sowohl am Tag, als auch in der Nacht.
Zwischendurch hielt er zahlreiche Male an, legte seinen Kopf schräg, so als ob er lauschen würde.
Ja, das tat er, er lauschte, ob er irgendeinen Laut von Nele hören könnte, vielleicht sogar einen Ruf,
doch nichts, nur Stille! Er wäre sofort umgekehrt, doch so trieb es ihn immer weiter, bis er schließlich
vor Erschöpfung halt machen musste, sich niederlegen musste und zwei Tage lang nur schlief.

Als er dann mittags erwachte, hörte er ein lautes und verzweifeltes Wiehern. Er stand auf und trabte los in die Richtung,
aus der die Laute kamen. Er war noch nicht weit gekommen, als er an das steile Ufer eines sumpfigen Sees angelangte,
der von einem morastigen Fluß gespeist wurde. Im Sumpf entdeckte er eine schwarze Stute, die um ihr Leben kämpfte
und versuchte auf der anderen Seite des Sees das flache Ufer zu erreichen.
Dies gelang ihr allerdings nicht ganz, denn obwohl sie sich immer mehr dem Ufer näherte, versank sie jedoch
zusehendst im Sumpf. Rainbow dachte kurz darüber nach, wie sie wohl dort hinein geraten konnte, aber ihm wurde klar,
dass hier Eile geboten war und so überlegte er fieberhaft, wie er ihr helfen konnte. So galoppierte er den Fluss entlang
und fand eine schmalere Stelle, an der es möglich sein sollte, auf die andere, flachere Seite des Sees zu gelangen.
Er dachte nicht lange nach, nahm einen gehörigen Anlauf und sprang. Auf der anderen Seite des Flusses angekommen,
eilte er zum flachen Ufer. Von der Stute, die mittlerweile fast das Ufer erreicht hatte, war nur noch der Kopf zu sehen.
Kurz entschlossen packte er mit seinem Gebiss ihre Mähne und obwohl er selber schon etwas in den Sumpf geriet,
blieb er beständig und zerrte sie mühevoll und langsam an das rettende Ufer.

Die Stute war Rainbow dankbar und blieb bei ihm. So war er plötzlich nicht mehr allein und dafür war er ihr dankbar.
Sie freundeten sich an und mit der Zeit mochten sie sich. Inzwischen hatten sie das Sumpfgebiet verlassen
und wanderten über endlose Steppen. Manchmal trafen sie andere Wildpferde, die sich ihnen anschlossen.
Mit der Zeit bildeten sie eine verschworene Gemeinschaft, die ihres Weges zog.
So vergingen die Jahre und Rainbow war zwar nicht glücklich, aber zufrieden.

In einem Frühling begab es sich, dass es sieben Tage lang ununterbrochen regnete. Rainbow fühlte sich immer unwohler,
denn er liebte die Wärme der Sonne. Müde und verstimmt legte er sich zur Nacht nieder. Und wieder hatte er einen Traum:
Er und seine Gruppe wurden von grausamen Gauchos gejagt und schließlich, nach einer endlosen Jagd, fingen sie Rainbow ein.
Er sah seine Kameraden nie wieder, wurde abtransportiert und dann mit irgendwelchen anderen Pferden, die sehr elend aussahen,
in einem Pferch gefangen gehalten. Über ihr weiteres Schicksal mussten sie nicht lange rätseln.
Eines Tages kamen die schönen und mächtigen Toreros, schmückten sie festlich und führten sie in die Arena.
Zum Abgeschlachtetwerden. Denn dort wartete der wilde Stier, der keine Gnade kannte.
Und die Zuschauer bejubelten das Töten auch noch. Tag um Tag verlor er seine neuen Kameraden, einen nach dem anderen.
Doch Rainbow hielt durch, bis er schließlich der letzte Überlebende war. Was war das für ein Spektakel,
welch eine Sensation, schon so viele Stiere hatte er überlebt. Schließlich wurde er das Lieblingsspielzeug
des besten Toreros des ganzen Landes. Und eines Tages geschah, was kommen musste.
Rainbow schaffte es nicht mehr, den tödlichen Hörnern auszuweichen und sie bohrten sich tiefer und tiefer
in seine Eingeweide. Die Zuschauer waren enttäuscht, denn sie hätten zu gerne noch länger solch einen Spaß mit ihm gehabt
und das ganze Rund der Arena war ein tausendfaches, aber ein einziges seinen Unmut buhendes Monstrum.
Rainbow lag röchelnd und verendend im Sand. Seine Augen drehten sich zur Seite, ein letztes Flackern der Lider und . . .

Doch was war das? Plötzlich griffen tausend Hände nach ihm, er wurde vorsichtig fort getragen,
sanft auf ein riesiges Heulager gebettet und man flößte ihm einen geheimnisvollen Trunk ein.
Heiler legten ihm die Hände auf, seine Wunden schlossen sich, bis sich schließlich
auch seine ganze Struktur veränderte und - er ein Mensch wurde.
Rainbow konnte es richtig spüren wie er ein Mensch wurde, er konnte plötzlich fühlen, schmecken, tasten, denken, sprechen,
empfinden, verstehen. Tausend Gedanken stürmten auf ihn ein, so als ob der Geist der Menschen,
die ihm bisher in seinem Leben begegnet waren, sich in ihm verinnerlicht hätten.
Und doch spürte er tief in seinem Innern einen eigenen Kern zu dem er eine tiefe Liebe empfand,
den es galt zu nähren und zu vermehren. Und er verstand plötzlich die Menschen, denen er solange Untertan gewesen war.
Mensch sein war Natur, war dieser Planet, war das All, war Liebe und Haß, war göttlich und teuflisch,
war fressen und gefressen werden, war leiden und glücklich sein, war Freund und Feind, war Verlust und Gewinn,
war Wahnsinn und Genialität und Normalität, war gerechte Ungerechtigkeit und ungerechte Gerechtigkeit,
war Vertrauen und Zweifel, war Realität und Utopie, war Mut und Feigheit, war Trennung und Zusammenkommen
und das alles abwechselnd oder zugleich, bei jedem anders und doch so gleich.
Mensch sein war seinen Peinigern verzeihen, ohne ihre Taten aber zu vergessen, war auch sich selbst zu verzeihen,
war Torheit und Edelmut, war Größe und Kleinkrämerei,
war Eintauchen in die glückselige Stimmung der Masse, ohne alles gut zu heißen, was sie taten,
oder sich ihnen bedingungslos anzuschließen, sondern sich und den seinen dieses Gefühl
zu einem gemeinsamen Glückserlebnis zu formen,
war klägliche Kontrollierung durch den Verstand und unterdrückte Emotionen und doch auch
Befreiung vom Verstand und Normen, aber ohne Gesetze zu verletzen,
war Zulassen von Liebe und Glück, anstelle stetiger Depression und Angst,
war sich der Welt zu öffnen und hinzugeben, ohne sich zu verlieren, sondern gleichzeitig zu sich zu stehen
und selbst sein Bewusstsein in seiner Einzigartigkeit zu leben und darzustellen,
war mit der Welt zu spielen und doch das Individuum ernst zu nehmen,
war sich nicht über alle anderen zu stellen und doch stolz auf sich zu sein,
war täglich zu kämpfen und täglich Frieden zu schließen.
Und doch war Mensch sein auch übernatürlich,
in seinem Selbsthass und seiner Selbstvernichtung, in seiner gegenseitigen Ausbeutung,
doch auch in seinem Fortschritt, wenn man diesen nur von seinem ausbeutenden Schatten befreien könnte,
in einer Hilfsbereitschaft, die sich keine Vorteile verspricht,
in einer Vielschichtigkeit, die die Einseitigkeit ersetzt,
in einer Gleichberechtigung, die aber nicht zerstörerisch missbraucht und bevorzugt, sondern zum Wohl aller ist,
in seiner Suche nach einem Sinn, der auch Glauben sein kann und einem höheren Sinn,
den unser Verstand noch nicht begreift, aber ahnt und in diesem Zusammenhang nicht zuletzt in seiner Kunst.

Rainbow hatte eine unruhige Nacht, er wälzte sich im Dreck hin und her und schrie manchmal auf,
doch als er am Morgen erwachte, vermischte sich der Regen mit den ersten Sonnenstrahlen
und es entstand ein wunderschöner, kräftiger Regenbogen, so wie an dem Tag seiner Geburt,
worauf der Gutsbesitzer ihm seinen Namen gegeben hatte.
Rain Bow öffnete die Augen, aber bevor er es auch sah, konnte er es schon fühlen: Er war ein Mensch geworden.
Glücklich lächelte er. Seine Gefährten schauten etwas traurig drein ob dieser Verwandlung.
Er erkannte auch schnell in ihren Augen warum. Er würde sie verlassen um unter den Menschen zu leben.
So nahm er bald herzlich Abschied und wanderte hinaus in sein neues Leben.

Nach Tagen der Wanderschaft gelangte er an einen großen Bauernhof. Der Bauer führte auch einen Stall
mit ausgesuchten Pferden. Rain Bow fragte an, ob er als Stallknecht bei ihm tätig werden könne.
Für Rain Bow gab es keine schönere Aufgabe, als diese so zu behandeln, wie er auch gerne behandelt worden wäre
und auch zeitweise behandelt worden ist. Der Bauer stellte ihn ein und Rain Bow richtete sich gut ein
und freundete sich nicht nur mit seinen Schützlingen, sondern auch mit den Menschen an.

Eines Tages besuchte eine stolze Reiterin den Hof. Ihr Äußeres war tadellos, ihre Haltung erhaben
und ihre Gesichtszüge edel. Nur ihr Pferd schien ein wenig klapprig zu sein.
Rain Bow eilte herbei, um ihr aus dem Sattel zu helfen und ihr Pferd zu versorgen.
Als er die Zügel nahm und zu ihr hoch sah, erkannte er, dass es Nele war.
Er sagte nichts, betrachtete sie nur und in seiner Brust fühlte es sich so an, als ob die Sonne aufgegangen wäre
und ihre tausend Strahlen seine Seele kitzeln würden. Nele wunderte sich, dass der Knecht ihr nicht aus dem Sattel half
und schaute ihn fragend an. Da sprach Rain Bow Nele zum ersten Male an und rief sie bei ihrem Namen.
Neles Verwunderung wuchs und sie betrachtete ihn genauer, während sich in ihr eine ungeheure Spannung aufbaute.
Schließlich sah sie in seine leuchtenden Augen und plötzlich ging ein gewaltiger Ruck des Erkennens durch ihre Glieder,
ihren Verstand und ihre Seele. Seinen Namen flüsternd, flog sie in seine Arme.

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