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Inhalt: Kurzgeschichten

Ein Tag am Meer

Der Wind frischt auf und weckt die Wellen, draußen auf dem Meer. Er macht sich einen Spaß mit einer achtlos weggeworfenen
Verpackung, pustet sie ein wenig über den menschenleeren Weg, jagt sie um eine Laterne, bis sie schließlich
in einem Heckenrosengebüsch liegen bleibt. Gestern noch hat der Inhalt der Verpackung jemandem einen kleinen Glücksmoment
geschenkt, einer schönen Frau vielleicht, die mit geschlossenen Augen die Vanille auf der Zunge genossen hat.
Oder einem quirligen Vierjährigen, der, müde getobt, für eine kurze Zeit Ruhe gefunden hat während er bemüht war
das Eis zu schlecken, bevor es an seinen kleinen Händen herunter schmilzt. Der Wind mag schöne Frauen,
besonders die mit den langen Haaren, die er für sein Leben gern zerzaust. Der Wind mag auch quirlige Kleinkinder,
ihr lebensfrohes Lachen steckt ihn an. Jetzt ist ihm ein wenig langweilig. Der kleine Ort liegt still, schläft noch,
erholt sich und sammelt Kraft für den Tag, der bald erwachen wird.

Selbst das Meer ist noch nicht da. Es ist weit draußen, geht seiner ewigen Sehnsucht nach. Möchte sich verbinden
mit den anderen Weltmeeren und lässt sich dabei vom Mond den Weg weisen. Doch der Erdtrabant ist auf dem Rückzug,
die Morgendämmerung bricht an.

Es ist Ebbe. Der Strand liegt noch jungfräulich und verlassen da. Die Sandburgen, die die Menschen am Tag zuvor
gebaut haben, sind längst untergegangen, verschluckt von der letzten Flut. Kein Fußabdruck im gleichmäßigen Sand.
Nur ein paar Muscheln ragen hier und da heraus.

Während sich die Sonne noch verschlafen die Augen reibt, um sich auf ihr Tagwerk vorzubereiten,
sorgsam die während der Nacht zerknitterten Strahlen glättet, fangen die Möwen bereits an, sich zu regen.
Genussvoll wird erst der rechte, dann der linke Flügel gestreckt, bevor sie sich schütteln und den Schnabel
zu einem herzhaften Gähnen aufreißen. Sie machen sich bereit, denn gleich werden die Boote der Fischer in den Hafen
einlaufen. Möwenfrühstück!

Auch in dem kleinen, gemütlichen Gasthof, gleich hinter dem Deich, zieht das Leben ein. Die Fenster in der Gaststube
werden weit geöffnet, um die frische Morgenluft einzulassen. Die Frau des Gastwirts beginnt damit, die Frühstückstische
liebevoll zu decken. Sie zupft hier am Tischtuch, legt da die Servietten zurecht und stellt frische Blumen auf die Tische.
Sie liebt Blumen und achtet sorgsam darauf, daß sich nicht eine verwelkte Blüte in den kleinen Sträußen befindet.
Währenddessen poliert ihr Mann die Theke, an der es am Abend zuvor wieder hoch hergegangen ist.
Es ist Sommer, Hauptsaison, da ist immer viel Leben in dem kleinen Ort und somit ist auch die Gaststube
und der angrenzende Biergarten abends gut besucht. Die beiden sind mit Herz und Seele für ihre Gäste da,
sie lieben den Kontakt und die Gespräche, die sich oft daraus ergeben. Sie sind zufrieden mit ihrem Leben
und wünschen sich kein anderes.

In der Küche dampft der große Kaffeeautomat bereits vor sich hin und der Duft frisch gebrühten Kaffees
zieht durch die Räume und vermischt sich mit der frischen Morgenluft. Kathrin, die Frau von Jan, dem Fischer,
bereitet dort das Frühstück für die Gäste vor. Schon viele Jahre verrichtet sie ihre Arbeit, sie tut es gern
und die Gastwirte sind so etwas wie ein zweites Elternpaar für sie. Für einen Moment hört sie auf,
die Aufschnitt- und Käseplatten mit Petersilie zu schmücken und sieht aus dem Fenster.
Lächelnd begrüßt sie in Gedanken die Sonne, die gerade aufgeht, und wünscht ihr einen guten Morgen.

Aus einem der Zimmer über der Küche vernimmt sie die ersten Geräusche. Das ist der Gast aus Nr. 7,
Mitarbeiter eines großen Unternehmens. Sein Dienst beginnt am frühen Morgen und er kommt selten vor 18.00 Uhr nach Hause.
Vor einiger Zeit hat man seinen Kollegen entlassen, seitdem hat sich die Arbeit für ihn verdoppelt.
Kundenkontakte müssen gepflegt werden und mehrmals im Monat stehen Dienstreisen an, für die er selbstverständlich
bereit zu stehen hat. Seine Frau hat ihn vor drei Jahren verlassen, weil sie dieses Leben nicht mehr teilen wollte,
in dem es nur noch Zeit für die Arbeit gab. Er vermisst seine Kinder sehr, wie er Kathrin erzählt hat.
Mehrmals im Jahr verbringt er ein paar Tage in dem kleinen Gasthof, das ist sein einziger Luxus und eine seltene Möglichkeit,
zu entspannen. Gleich wird er die Treppe herunter kommen und freundlich grüßend das Haus verlassen,
um wie jeden Morgen am Strand entlang zu joggen. Seine Abdrücke werden die ersten sein im Sand und später,
wenn der letzte Gast aufgestanden ist, werden sie schon längst wieder von der Flut mitgenommen worden sein.

Neben seinen Spuren wird man vier weitere finden. Sie gehören Störtebecker, dem strubbeligen, schwarzen Hund
vom alten Klaasen. Störtebecker und der Gast aus Nr. 7 haben sich vor langer Zeit angefreundet und seitdem verbringen
sie die erste Stunde des Tages gemeinsam. Auch der alte Klaasen versteht sich gut mit dem Gast, sie sitzen oft abends
bei einem Pils zusammen und erzählen sich aus ihren Leben, während der Hund zufrieden unter dem Tisch schläft und träumt.

Kathrin unterbricht noch einmal ihre Arbeit, um das Küchenfenster zu öffnen und die Zeitung entgegen zu nehmen,
die Jens wie jeden Morgen pünktlich vorbei bringt. Sie lächeln sich an, wünschen sich einen schönen Tag und Jens
schwingt sich wieder auf sein Rad.

Ein paar Straßen weiter hält er in der Bäckerei an, wo die Regale bereits mit frischem, duftendem Brot und Brötchen
gefüllt sind und auf Kundschaft warten. Um diese frühe Stunde ist jedoch außer Jens noch niemand unterwegs und so bleibt
Zeit für ein kleines Gespräch.

Die Türen des kleines Supermarktes sind noch geschlossen und auch vor den Souvenir-Läden ist noch alles friedlich.
Nicht mehr lange, und die Straße unterhalb des Deiches wird gesäumt sein von Feriengästen, die sich nicht entscheiden können.
Sollen sie das Muschelkästchen mitnehmen oder doch lieber den rot-weiß geringelten Leuchtturm?

Jens radelt weiter und als er zum Deich hochsieht, bemerkt er eine Frau die dort steht und auf das Meer hinaus sieht.
Sie steht dort ganz allein und sie scheint mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Ein Lächeln liegt auf ihrem Gesicht.
Ja, sie ist mit sich und der Welt zufrieden. Und sie ist froh, wieder lächeln zu können. Eine schwere Zeit liegt hinter ihr
und jetzt ist sie hierher gekommen, um für ein paar Tage Ruhe zu finden. Sie genießt den frischen Wind,
der mit ihrem Haar spielt, und die Stille des Morgens. Bis diese durch ein fröhliches Bellen unterbrochen wird.
Bevor sie sich umdrehen kann, ist der fremde Hund auch schon bei ihr. Die Frau beugt sich zu dem schwarzen Strubbel hinunter,
wünscht ihm einen guten Morgen und krault ihn hinter dem Ohr, was Störtebecker sichtlich genießt.
Sie richtet sich wieder auf und tritt einen Schritt zur Seite, worauf sie mit dem Gast aus Nr. 7 zusammen stößt,
der ihr ausweichen wollte. Er kann sie gerade noch auffangen und lachend halten sie sich einen Moment fest,
während der Hund um ihre Beine springt. Die beiden Menschen gehen ein paar Schritte zur nächsten Bank
und lassen sich dort nieder. Abwechselnd kraulen sie das zottelige Hundefell, während sich ein Gespräch entwickelt.

Einige Zeit später, die Sonne ist schon etwas höher geklettert auf der Himmelsleiter und verspricht
einen schönen Tag, hört man auch aus der Ferienwohnung im Friesenweg fröhliches Geplapper. Dort springen zwei
aufgeregte Kinder durch das Bett ihrer Eltern. Gemeinsam machen sie Pläne für den Tag, der vor ihnen liegt.
Während der vorwitzige Sechsjährige die größtmögliche Sandburg bauen will, unterbricht seine vierjährige Schwester
die Kissentoberei, kuschelt sich, eine ihrer roten Locken zwischen den Fingern drehend, an ihren Vater
und bettelt ihn mit gekonntem Augenaufschlag an, doch lieber die niedlichen Seehunde zu besuchen.
Das Familienoberhaupt schaut in gespielter Verzweiflung seine Frau an und bittet sie, die Entscheidung zu treffen.
Mama grinst, schmiegt sich an Tochter und Mann und schlägt vor, erst mal zu frühstücken, anschließend die Seehunde
zu besuchen und dann gemeinsam Camelot am Strand zu bauen. Mit einem zirkusreifen Sprung und einem lauten Freudenschrei
hüpft der Sechsjährige in die Luft und landet zufrieden lachend im Familiennest.

Etwas weiter den Friesenweg hinunter schließt in diesem Moment Silke die Haustüre hinter sich zu.
Sie ist auf dem Weg zur Arbeit. Die Straßen füllen sich langsam mit Leben und gleich wird es wieder voll werden
in dem kleinen Souvenir-Laden. Silke mag diesen Trubel, sie mag das Stimmengewirr, die unterschiedlichen Nationalitäten.
Sie kommt gerne mit den Menschen ins Gespräch und hat für jeden ein Lächeln und ein paar Worte übrig.
Nie wird ihr der Andrang zuviel und der Laden-Besitzer ist sehr zufrieden mit ihr. Letzten Monat hat er sogar
ihr Gehalt erhöht. Darüber hat sie sich sehr gefreut, denn sie spart für die Erfüllung eines großen Traumes.
Einmal möchte sie Amerika sehen, vier Wochen mindestens, sich ins pralle Leben stürzen. Es wird noch dauern,
bis sie den Betrag für diese Reise zusammen gespart haben wird, deshalb ist ihr die Gehaltserhöhung sehr willkommen.
Nach der Schicht geht sie oft bei Peter vorbei, der unten im Hafen die Karten für die Fähren auf die Inseln verkauft.
Er war schon zwei Mal in den Vereinigten Staaten und gebannt hört sie dann seinen Erzählungen aus dem Land
der unbegrenzten Möglichkeiten zu.

Jetzt hat Peter allerdings keine Zeit. Vor dem Kassenhäuschen ist der Andrang groß. Viele Menschen stehen dort,
darauf wartend, daß sie ihre Fahrkarten kaufen können, um eine der vorgelagerten Inseln zu besuchen. Alte und Junge,
Familien mit Kindern, Einzelpersonen und Paare freuen sich auf diesen Ausflug.

Auch der Strand hat sich jetzt gefüllt. Die meisten Strandkörbe sind besetzt und überall flattern bunte Sommersachen
im Wind, während ihre Besitzer sich im Meer vergnügen, das die Flut mittlerweile anspült.
Kinder graben mit Schaufeln und den Händen im feuchten Sand, um wahre Festungen zu errichten. Da werden Burggräben angelegt
und sofort mit einem Eimer Meerwasser gefüllt. Muscheln verzieren die Außenwände und kleine Finger graben vorsichtig
die Schießscharten in die Sand-Kunstwerke. Auch mancher Vater wird dort wieder zum Kind, genießt die Zeit mit dem Nachwuchs,
die Arbeitswelt endlich einmal vergessend. Mütter entspannen in den Strandkörben, lesen ein Taschenbuch,
das schon seit Monaten im Regal stehend darauf gewartet hat. Oder sie stöbern in den Hochglanzmagazinen
und lassen sich in die Welt der Reichen und Schönen entführen.

Im rot-weiß-gestreiften Strandkorb Nr. 294 sitzt eine alte Dame, die ihren Blick hinaus auf das Meer wandern lässt.
Hinter dem Horizont sieht sie ihre Vergangenheit und ein Strahlen geht über ihr Gesicht.
Es müssen schöne Erinnerungen sein, die sie da hat. Sie trägt einen Strohhut mit blauem Band, das fröhlich im Wind flattert.
Der Wind freut sich über das Leben, das der Tag bringt und kann es nicht lassen, einmal kräftig unter den Hut zu wehen
und ihn der alten Dame vom Kopf zu pusten. Lachend springt sie auf und hat ihn nach ein paar Schritten wieder eingefangen.

Nur ein paar Meter weiter sitzt ein Paar aneinander geschmiegt. Die Beiden haben keinen Blick für das Meer,
das Leben am Strand oder die Wolken am Himmel. Sie haben nur Augen für sich und brauchen nichts weiter,
um glücklich zu sein.

Im für Hunde abgetrennten Bereich tummelt sich alles, was vier Beine und eine Schnauze hat. Kleine und Große,
kurzhaarige, zottelige, Hunde mit Stehohren und solche mit Schlappohren, von denen das Meerwasser tropft.
Gerade kommt ein großer, brauner Hund aus dem Wasser und schüttelt sein Fell, aus dem tausend Tropfen,
die im Sonnenlicht glitzern, spritzen. Witternd hebt er die Nase, er hat etwas gerochen, was ihn aufgeregt
zu seinem Herrn laufen lässt.

Es ist der Duft aus Luigi's Pizzeria, in der Luigi gerade die herrlichsten, italienischen Köstlichkeiten zubereitet.
Es ist Mittag und so nach und nach treffen die hungrigen Gäste ein. Viele der Tische draußen sind schon besetzt,
während es in der Pizzeria selbst noch freie Plätze gibt. Dort ist es schattig und kühl.

Ein älteres Paar sitzt dort. Maria, die südländische Bedienung mit den wundervollen braunen Augen,
hat ihnen gerade eine Karaffe Wein gebracht, während die Zwei auf ihr Essen warten. Maria kennt die Beiden,
normalerweise besuchen sie den kleinen Ort im Frühjahr, wenn noch nicht soviel Trubel herrscht.
Aber in diesem Jahr haben sie eine Kreuzfahrt gemacht auf einem großen Schiff, deshalb sind sie jetzt
während der Hauptsaison hier. Maria seufzt. Einmal auf so einem strahlend-weißen Schiff in die Karibik segeln,
das könnte ihr auch gefallen. Der ältere Herr schaut seine Frau an und lächelt. Sie lächelt zurück.
Und Maria seufzt noch einmal. Das ist Liebe! Die beiden sind schon so lange verheiratet, und doch machen sie den Eindruck,
als wenn ihre Ehe erst gestern geschlossen worden wäre. Sie reißt sich vom Anblick des Ehepaares los
und dreht sich mit gekonntem Hüftschwung um, denn an einem Tisch weiter hinten hat ein neuer Gast Platz genommen.

Maria schenkt ihm ein strahlendes Lächeln und fragt nach seinen Wünschen. Der junge Mann bestellt ein Bier
und bittet um die Karte. Allein ist er, denkt sie, aber einsam sieht er nicht aus. Sie macht sich gern Gedanken
um ihre Gäste und ist immer freundlich.

Die Arbeit macht ihr Spaß. In zwei Stunden wird sie froh sein, wenn der Andrang vorbei ist. Wenn sie wenigstens
zehn Minuten hat, in denen sie die Beine hochlegen kann, wenn mal Zeit bleibt für einen Kaffee.
Dann senkt sich die Ruhe über den Deich, den Strand und den kleinen Ort. Alle sind zufrieden und satt,
die Kinder schläfrig und für eine Weile wird alles friedlich sein. Doch erst mal kümmert sie sich jetzt
um die Mahlzeit für den jungen Mann und gibt die Bestellung bei Luigi auf.

Die Frau, die draußen in der Sonne Platz genommen hatte, hat mittlerweile ihren Kaffee ausgetrunken
und bittet Maria um die Rechnung. Während Maria die anderen Gäste bedient hat, hat sie sich die Frau angesehen.
Ganz ruhig hat sie da gesessen und einen sehr zufriedenen Eindruck gemacht. Hat sich ihrerseits die Leute angeguckt,
die Sonne genossen und einfach die Zeit an sich vorbeiziehen lassen. Sie zahlt, nicht ohne Maria mit einem Trinkgeld
für deren Freundlichkeit zu danken, steht auf und schlendert auf den Deich zu.
Obwohl etliche der Ruhebänke um diese Zeit nicht besetzt sind, breitet sie einen Pullover aus und legt sich auf die Wiese.
Verschränkt die Arme hinter dem Kopf und schaut in den Himmel, wo ein paar kleine, weiße Schäfchenwolken vorüberziehen.
Sie spürt die angenehme, kühle Brise, die der Sonne die Hitze nimmt. Dann dreht sie sich zur Seite
und sieht hinüber zur Drachenwiese, wo bereits ein paar wenige Drachen wie bunte Punkte am Himmel flattern.

Auch dem Wind sind diese nicht verborgen geblieben. Er freut sich über die Kinder und Jugendlichen
und er legt sich nun richtig ins Zeug, um die Drachen zum tanzen zu bringen. Er pustet und bläst, zwischendurch stürmt er,
schlägt Kapriolen und hat endlich seinen Spaß. So müsste es immer sein! Er pfeift und zischt, dann flaut er total ab,
doch kurz bevor die Fluggeräte abzustürzen drohen, verhilft er ihnen mit einem kräftigen Windstoß wieder hinauf in den Himmel.

So vergeht der Nachmittag. Die Frau liegt noch immer auf der Wiese und schaut dem bunten Treiben zu,
während sich die ersten Eltern mit müdegespielten Kindern im Schlepptau aufmachen in ihre Ferienwohnungen,
Hotels und Pensionen. Nach und nach leert sich der Strand, die meisten Gäste suchen die Biergärten auf,
um den Tag bei einem Getränk langsam ausklingen zu lassen, etwas zu essen, gemütlich zusammen zu sitzen
und ihre freie Zeit zu genießen.

In dem kleinen Gasthof hinter dem Deich sitzen der alte Klaasen und der Gast aus Nr. 7 schon bei einem Bier zusammen.
Heute hat sich auch die Frau zu ihnen gesellt, die Störtebecker morgens so fröhlich begrüßt hat. Die beiden Menschen
lachen über das Seemannsgarn, das der alte Klaasen spinnt, während der Hund müde und zufrieden unter dem Tisch liegt
und schläft. Er kennt das schon, schließlich bekommt er all das in den langen Wintermonaten erzählt,
wenn kaum Feriengäste da sind.

Maria's zweite Schicht hat bereits begonnen. Die Gäste am Abend sind ihr am liebsten, denn dann sind sie ausgeglichen
und meistens sehr freundlich, weil sie einen schönen Tag verbracht haben, den sie genauso ausklingen lassen wollen.

Auch Peter hat mittlerweile das Kassenhäuschen geschlossen. Heute freut er sich besonders auf den Feierabend,
denn er hat sich mit Silke verabredet. Sie wollen gemeinsam in den 'Leuchtturm' gehen, eine gemütliche Kneipe.
Und dort will er ihr vorschlagen, die Reise nach Amerika doch gemeinsam zu unternehmen.

Das ältere Ehepaar, das mittags bei Luigi gesessen hat, unternimmt noch einen Abendspaziergang über den Deich.
Dort treffen sie die alte Dame, deren Hut der Wind vor ein paar Stunden über den Strand gejagt hat.
Sie sitzt auf einer Bank und füttert die Möwen. Die beiden setzen sich dazu und gemeinsam betrachten sie das Schauspiel.

Auch in der Ferienwohnung im Friesenweg ist Ruhe eingekehrt. Während die beiden Kinder glücklich und müde
in den Betten liegen und von großen Seehundaugen und Sandburgen träumen, sitzen die Eltern auf dem Balkon
und genießen die Stille. Auch der Wind ist mittlerweile müde und schickt nur ab und zu eine ganz leichte Brise vorbei.

Jens sitzt mit Kathrin und Jan auf einer Bank vor deren Haus. Sie betrachten die Sonne, die sich langsam anschickt,
den Tag zu beenden. Jan erzählt von dem Ertrag des heutigen Fischfangs und Jens hat Neuigkeiten aus dem Ort zu berichten.

Jetzt wird es auch der Frau auf der Wiese zu kühl. Sie zieht sich den warmen Wollpullover an,
auf dem sie vorher gelegen hat. Sie steht auf und wandert hinüber zu den Dünen. An einer geschützten Stelle,
an der der Sand die Wärme des Tages gespeichert hat, setzt sie sich hin und schlingt die Arme um die Beine.
Versenkt ihren Blick in den rotgoldenen Strahlen der Sonne, die sanft ein glitzerndes Band auf das Meer legt.
Ganz ruhig sitzt sie da und genießt die Schönheit der untergehenden Sonne.

Der junge Mann, den Maria mittags so freundlich bedient hat, wandert den Strand entlang. Er kommt auf die Dünen zu,
doch er sieht die Frau nicht, die an der geschützten Stelle sitzt. Auch er betrachtet das Naturschauspiel
und mit dem Rücken zu ihr lässt er sich keinen Meter entfernt von ihr nieder.

Sie macht sich nicht bemerkbar, denn sie möchte die friedliche Stille nicht zerstören.
Kurz bevor die Sonne endgültig im Meer versinkt, wird ihm bewusst, daß er nicht allein ist.
Irritiert dreht er sich um und sieht die Frau hinter sich sitzen. Das letzte Rot der Sonne streichelt ihr Gesicht.
Sie schenkt ihm ein Lächeln und flüstert leise 'Hallo!'. Und er lächelt zurück.

Nicht mal der Wind, der stürmische Geselle, möchte diesen wunderschönen Augenblick zerstören.
Er weiß, dieser Tag geht zu Ende, aber etwas Neues hat soeben begonnen...
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Ich danke dir, daß du dir die Zeit genommen hast, diesen Tag am Meer mit mir zu verbringen.
Es war ein schöner Tag und ich würde mich freuen, wenn er dir in deiner Erinnerung bleibt.
Ich verabschiede mich und ich wünsche dir viel Glück.

Du fragst, wer ich bin? Ich bin die Phantasie....und ich bin in dir.

© Spunk

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